Hier finden Sie Bücher, die Ihre Situation erklären und Sie behutsam aus der Hilflosigkeit führen können.
 

Meine Lieblingsgeschichten

Autobiographie in fünf Kapiteln

Ich gehe die Straße entlang.

Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren... ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer dauert es sehr lange, herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein... aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort wieder heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

Ich gehe eine andere Straße.

 Portia Nelson, zitiert in „Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben“ von Sogyal Rinpoche

Geschenke

Meine Mutter verstarb vor vier Jahren. Die tiefste Trauer meines Lebens erfasste mich. Hinzu kam die alte Sehnsucht: Ich hätte mich so gerne von ihr geliebt gefühlt! Auf dieses Gefühl würde ich nun für immer verzichten müssen.

Vor einem Jahr sichtete ich meine Habseeligkeiten, um mich für unseren Umzug zu entlasten. Dabei fielen mir ganz viele kleine Büchlein in die Hand, die ich zu besonderen Anlässen von meiner Mutter bekommen hatte. Sie enthielten von ihr eingetragene Gedichte und Gebete. Ich hatte ihre Geschenke angenommen, ausgepackt und dann ungelesen bei Seite gestellt. Nun begann ich darin zu blättern. In wunderbarer Handschrift, trotz schlimmsten Rheumas in den Händen, waren ganz individuelle Texte für mich zusammengetragen und aufgeschrieben worden. Ich spürte plötzlich, dass diese trennende Glaswand die zu Lebzeiten zwischen uns vorhanden war nicht mehr existierte. Ich spürte ihre Liebe, ihre Wärme und ihr einfach nur riesengroßes Herz für mich. Denn die Texte hatten alle etwas mit mir zu tun. Die Freude über diese Schätze wurde dadurch getrübt, dass ich unendlich traurig wurde, weil mir meine Mutter immer Liebe zeigte. Und ich hatte sie auf Grund meiner falschen Annahme ständig vor den Kopf gestoßen. Nur weil ich meine Aufmerksamkeit darauf gerichtet hatte, dass eine Mutter, die ihr Kind in der Familie missbrauchen lässt, das Kind nicht lieben kann. So hatte ich immer nur das gesehen, was ich sehen wollte. Und dieses Mischgefühl von übermäßigem Glück einerseits, Trauer und Schuldgefühlen andererseits begleitete mich nach dieser Entdeckung lange.

Dann eines Abends lag ich im Bett und in meiner Meditation nahm ich Kontakt mit meiner Mutter auf. Ich sprach mit ihr über meine Gefühle und die Traurigkeit über die vielen nicht gelebten Glücksmomente. Darüber schlief ich ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war mir klar, dass ich jedes Mal, wenn ich ein Büchlein in die Hand nehme von ihr eine Streicheleinheit bekomme. Ein Streicheln ihrer zarten Hände und Stimme, die mir sagen: Ich liebe Dich!

Und obwohl ich sehr lange mit meiner Ähnlichkeit zu meiner Mutter zu kämpfen hatte, bin ich heute dankbar und glücklich darüber, dass ich die von mir am meisten an ihr geliebte Ähnlichkeit von ihr geerbt habe: Ihre zarten, liebevollen Hände!

Christine Striebel

Der Regenmacher

In einem Dorf hatte es lange nicht geregnet. Alle Gebete und Prozessionen hatten nichts genützt, der Himmel blieb verschlossen. In der größten Not wandte sich das Dorf an den Großen Regenmacher. Er kam und bat um eine Hütte am Dorfrand und um Brot und Wasser für fünf Tage. Dann schickte er die Leute zu ihrer täglichen Arbeit.

Am vierten Tag regnete es. Die Menschen kamen jubelnd von ihren Feldern und anderen Arbeitsplätzen und zogen vor die Hütte des Regenmachers, um ihn zu feiern und nach dem Geheimnis des Regenmachens zu fragen. Er antwortete ihnen: “Ich kann keinen Regen machen.“ „Aber es regnet doch“, sagten die Leute. Der Regenmacher erklärte ihnen: „Als ich in euer Dorf kam, sah ich die äußere und innere Unordnung. Ich ging in die Hütte und brachte mich selber in Ordnung. Als ich in Ordnung war, kamt auch ihr in Ordnung, und als ihr in Ordnung wart, kam auch die Natur in Ordnung, und als die Natur in Ordnung war, hat es geregnet.“

 Metapher aus „Suche nach dem Sinn des Lebens“ von Willigis Jäger

 Im Garten des Königs

Es war einmal ein König. Eines Tages ging der König in seinen Garten. Und als er in den Garten kam fand er dort nur welkende und sterbende Bäume, Sträucher und Blumen.

Der König ging zu einer Eiche fragte was geschehen sei?

Die Eiche sagte, sie würde sterben, weil sie nicht so hoch werden könne wie die Tanne.

Als der König sich nun einer Tanne zuwandte, ließ diese nur ihre Zweige hängen, weil sie keine Trauben tragen könnte wie der Weinstock.

Und auch der Weinstock lag im Sterben, weil er nicht blühen konnte wie die Rose.

Doch endlich entdeckte der König das wilde Stiefmütterchen. Das wilde Stiefmütterchen war blühend und frisch, wie eh und je.

Der König fragte das Stiefmütterchen warum es als einziges nicht im Sterben lag?

Auf seine Frage erhielt er folgende Antwort: „Für mich war klar, dass du ein Stiefmütterchen haben wolltest, als du mich einpflanztest. Hättest du eine Eiche, einen Weinstock oder eine Rose gewollt, hättest du eine Eiche, einen Weinstock oder eine Rose gepflanzt. Deshalb dachte ich: Da du mich hier eingepflanzt hast, sollte ich mein Bestes geben, um deinem Wunsch zu entsprechen. Und da ich ohnehin nichts anderes sein kann, als ich bin, versuche ich dies nach besten Kräften zu sein."

Die Geschichte habe ich hier gefunden: https://www.reiki-ausbildung-hamburg.de/

Das Konzept individueller Unterschiede

Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere eine Schule. Das Curriculum bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen und alle Tiere wurden in allen Fächern unterrichtet.

Die Ente war gut im Schwimmen; besser sogar als der Lehrer. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Fach so schlechte Noten hatte, musste sie nachsitzen und den Schwimmunterricht ausfallen lassen, um das Rennen zu üben. Das tat sie so lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittliche Noten aber waren akzeptabel, darum machte sich niemand Gedanken darum, außer: die Ente.

Der Adler wurde als Problemschüler angesehen und unnachsichtig und streng gemaßregelt, da er, obwohl er in der Kletterklasse alle anderen darin schlug, darauf bestand, seine eigene Methode anzuwenden.

Das Kaninchen war anfänglich im Laufen an der Spitze der Klasse, aber es bekam einen Nervenzusammenbruch und musste von der Schule abgehen, wegen des vielen Nachhilfeunterrichts im Schwimmen.

Das Eichhörnchen war Klassenbester im Klettern, aber sein Fluglehrer ließ ihn seine Flugstunden am Boden beginnen, anstatt vom Baumwipfel herunter. Es bekam Muskelkater durch Überanstrengung bei den Startübungen und immer mehr „Dreien“ im Klettern und „Fünfen“ im Rennen.

Die mit Sinn fürs Praktische begabten Präriehunde gaben ihre Jungen zum Dachs in die Lehre, als die Schulbehörde es ablehnte, Buddeln in das Curriculum aufzunehmen.

Am Ende des Jahres hielt ein anormaler Aal, der gut schwimmen, und etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als Schulbester die Schlussansprache.
(Unbekannter Autor)

Fatima, die Spinnerin und das Zelt

Einst lebte in einer Stadt im fernen Westen ein Mädchen mit Namen Fatima. Sie war die Tochter eines erfolgreichen Spinners. Eines Tages sagte der Vater zu ihr: „Komm, meine Tochter, wir wollen eine Reise machen, denn ich muss auf den Inseln des Mittelmeeres einem Geschäft nachgehen. Vielleicht lernst du einen hübschen jungen Mann in guter Position kennen, den du heiraten kannst.“

Sie brachen auf und reisten von Insel zu Insel, der Vater ging seinem Handel nach und Fatima träumte von dem Ehemann, der ihr bald angehören würde. Eines Tages aber, sie waren auf dem Weg nach Kreta, kam ein Sturm auf, und sie erlitten Schiffbruch. Fatima wurde in der Nähe von Alexandria halb bewusstlos an den Strand geschwemmt. Ihr Vater war tot, und sie völlig mittellos.

Nur dunkel konnte sie sich an ihr früheres Leben erinnern, denn das Erlebnis es Schiffbruches und die Zeit, in der sie dem Meere preisgegeben war, hatten sie völlig erschöpft.

Wie sie nun am Strande entlangging, traf sie eine Familie von Tuchwicklern. Obgleich sie arm waren, nahmen sie das Mädchen zu sich in ihre dürftige Hütte und lehrten sie ihr Handwerk. So baute sich Fatima ein zweites Leben auf, und nach einem oder zwei Jahren war sie glücklich und mit ihrem Schicksal ausgesöhnt. Aber als sie eines Tages aus irgendeinem Grund am Strand war, landete eine Bande Sklavenhändler, ergriff sie und nahm sie samt anderen gefangen mit sich fort.

Bitter beweinte Fatima ihr Los, stieß aber bei den Sklavenhändlern keinerlei Verständnis; sie nahmen sie mit nach Istanbul und verkauften sie als Sklavin.

Zum zweiten Mal war ihr die Welt zusammengebrochen. Nun wollte es das Glück, dass nur wenige Käufer auf dem Markt waren. Einer dieser Männer hielt Ausschau nach Sklaven, die auf seinem Zimmermannsplatz arbeiten sollten, wo er Schiffsmasten herstellte. Als er die unglückliche Fatima in ihrer Mutlosigkeit sah, entschloss er sich, sie zu kaufen, weil er dachte, dass er ihr auf diese Weise vielleicht ein leichteres Los verschaffen könnte, als wenn irgendein anderer sie kaufte.

Er nahm Fatima mit sich nach Hause und hatte die Absicht, sie als Dienstmagd seiner Frau einzustellen. Aber als sie zu Hause ankamen, musste er erfahren, dass er sein ganzes in einer Schiffsladung untergebrachtes Hab und Gut verloren hatte, denn es war von Seeräubern gekapert worden. Er konnte sich keine Arbeiter mehr leisten, so waren er, Fatima und sein Weib alleine mit der schweren Arbeit, der Herstellung von Schiffsmasten.

Fatima war ihrem Brotherren dankbar für die Errettung und arbeitete so hart und so gut, dass er ihr die Freiheit schenkte, und sie wurde sein Verwalter. So also kann man sagen, dass sie doch auch in ihrer dritten Laufbahn einigermaßen glücklich wurde.

Eines Tages sagte er zu Fatima: „Fatima, ich möchte, dass du als mein Verwalter eine Ladung Schiffsmasten nach Java begleitest, und du kannst sicher sein, dass du sie mit gutem Gewinn verkaufen wirst.“

Sie reiste ab, aber als das Schiff an der Küste Chinas entlang fuhr, wurde es das Opfer eines Taifuns, und wieder geschah es, dass sie auf den Strand eines fremden Landes geworfen wurde. Wieder einmal weinte sie bittere Tränen, fühlte sie doch, dass nichts in ihrem Leben so lief, wie sie es erhoffte. Immer wenn sich etwas gut anließ, trat ein Ereignis ein, das alle Hoffnungen zerstörte.

„Warum“, so rief sie nun zum dritten Mal, „warum ist es so, dass mir alles, was ich anfange, zum Unglück ausschlägt? Warum muss mir so viel Leid widerfahren?“ Aber es gab keine Antwort. So richtete sie sich mühsam auf, um ins Land hineinzuwandern.

Nun hatte zwar niemand in China je etwas von Fatima gehört oder irgendetwas von ihrem Unglück gewusst. Aber es gab eine Legende, nach der eines Tages ein Fremdling, eine Frau, ankommen und fähig sein würde, ein Zelt für den Kaiser zu machen. Und nachdem es bislang niemanden in China gab, der Zelte bauen konnte, sahen alle mit gespannter Erwartung der Erfüllung dieser Vorhersage entgegen.

Damit dieser Fremdling, wenn er ankommen sollte, nicht übersehen würde, hatten die jeweiligen Kaiser von China die Sitte, einmal im Jahr in alle Städte und Dörfer des Landes Herolde zu senden, die nach einer Frau aus der Fremde fragten, um sie bei Hofe vorzustellen.

Als Fatima in der Nähe der chinesischen Küste in eine Stadt kam, war dies nun gerade einmal wieder der Fall. Mit Hilfe eines Dolmetschers sprachen die Leute sie an und erklärten ihr, dass sie zum Kaiser gehen solle.

Als Fatima vor den Kaiser gebracht wurde, fragte er sie: „Werte Frau, kannst du ein Zelt machen?“

„Ich denke schon“, sagte Fatima. „Ich werde deinen Auftrag erfüllen!“

Sie bat um Seile, aber es gab keine. Da erinnerte sie sich an ihre Zeit als Spinnerin, sammelte Flachs und drehte Seile. Dann bat sie um kräftiges Tuch, aber die Chinesen hatten keines von der Art wie sie es brauchte. Da erinnerte sie sich an die Kenntnisse, die sie bei den Webern in Alexandrina erworben hatte, und stellte festes Zelttuch her. Dann brauchte sie Zeltpfosten, aber in China gab es keine. So dachte Fatima an das, was sie in Istanbul bei dem Zimmermann gelernt hatte, und machte kräftige Zeltpflöcke. Als sie auch damit fertig war, strengte sie ihren Verstand an, um sich auf all die Zelte zu besinnen, die sie auf ihren Reisen gesehen hatte: und siehe da, sie baute ein Zelt!

Als dieses Wunder dem Kaiser von China gezeigt wurde, sagte er Fatima zu, ihr einen Wunsch zu erfüllen, sie möge ihn nur aussprechen. Sie wünschte sich, in China zu bleiben, heiratete einen hübschen Prinzen und war glücklich im Kreise ihrer Kinder bis zum Ende ihrer Tage.

Gerade durch die vielen Abenteuer erkannte Fatima, dass sich all das, was ihr als unangenehme Erfahrung erschienen war, als wesentlicher Teil dessen herausstellte, wodurch schließlich ihr Glück begründet wurde.

Griechische Volkserzählung