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Mein Weg aus dem Trauma: Leseprobe

Eine Tasse Kaffee, bitte!

„Guten Morgen, mein Schatz! Machst du mir bitte eine Tasse Kaffee?“, sagte ich und lächelte Timm liebevoll an. Er küsste mich sanft auf die Stirn und strich behutsam über meine Haare. Dann verschwand er in der Küche.

  „Guten Morgen, mein Schatz! Machst du mir bitte eine Tasse Kaffee?“, sagte ich und lächelte Timm liebevoll an. Er küsste mich sanft auf die Stirn und strich behutsam über meine Haare. Dann verschwand er in der Küche.

Ein außenstehender Betrachter hätte vermutet, dass es sich bei dieser zärtlichen Begegnung um ein Morgenritual handelte, um die tägliche Selbstverständlichkeit eines frisch verliebten Paares. Doch in Wirklichkeit war es für dieses Paar, Timm und mich, ein ungeahnter Neuanfang nach sehr vielen schwierigen Ehejahren. Erst vor Monaten hatten wir unsere Liebe neu entdeckt. Diese morgendliche Szene wurde zum Startsignal für mein neues Leben.

Ich war Anfang sechzig. Meinen Job als Lehrerin hatte ich wegen jahrelanger Depressionen verloren. Als Hausfrau und Hobbyautorin hatte ich mein Leben neu eingerichtet. Morgens saß ich als erstes an meinem Schreibtisch und fixierte meine Morgenideen. Es waren Gedanken, die zwischen Schlaf und Erwachen ihren Raum einnahmen. Sie waren die Samenkörner für meine Geschichten und meine persönliche Weiterentwicklung.

Danach plante ich meinen Tag. Denn nachdem die Kinder aus dem Haus waren und kein Berufsalltag mehr gemeistert werden musste, war ich in einem nahezu terminfreien Raum gelandet. Der Tagesplan bot mir in der neuen Lebensphase Stütze und Orientierung.

Auch mein Mann Timm hatte sein Leben nach dem Berufsaus neu gestaltet. Er füllte sein Leben unter anderem mit Briefmarkensammeln und Radfahren.

Ich saß am Schreibtisch und hing meinen Gedanken nach. Kurze Zeit später brachte mir Timm eine heiße Tasse Kaffee. Ich gab ihm einen zärtlichen, wenn auch kurzen Kuss auf die Wange und nahm einige Zeit darauf die warme Kaffeetasse in die Hände. Vorsichtig nippte ich an dem goldbraunen, süßen Getränk. „Irgendetwas ist komisch“, dachte ich. Irgendetwas fühlte sich an diesem Morgen anders an als sonst!

Was war eben geschehen? Hatte ich wirklich Timm um einen Kaffee gebeten und ihn serviert bekommen? Woher kam die Selbstverständlichkeit mit der ich diesen Wunsch geäußert hatte? Hatte ich je in den vielen, vergangenen Jahren unserer Ehe meinen Mann um eine Tasse Kaffee oder Tee gebeten? Nein! Und nun schien es die größte Selbstverständlichkeit der Welt zu sein, dass für mich Kaffee bereitet und mir gebracht wurde. Ein sonderbares Ereignis.

Doch als ich mich den alltäglichen Aufgaben im Haushalt zuwandte, vergaß ich die Tasse Kaffee. Die Frage nach der Ursache für dieses fremde Verhalten blieb fürs Erste unbeantwortet. Vielleicht gab es auch gar keine Antwort, weil meine Bitte nur einer zufälligen Laune entsprungen war.

Wie immer gönnte ich mir um die Mittagszeit eine Tasse Tee. Ich saß gemütlich am Küchentisch, nippte vom Tee und schaute dabei aus dem geöffneten Fenster in den Garten. Die Blätter der Bäume begannen sich bunt zu färben. Der Wind brachte das Laub zum Rascheln. Vögel zwitscherten. Ich atmete frische Luft. Dieses friedliche Idyll bot mir Erholung nach getaner Hausarbeit. „Wie schön die Natur ist“, dachte ich, und entspannte.

Plötzlich spürte ich, wie kühl die Teetasse in meinen Händen geworden war. Hatte ich geträumt? Doch tatsächlich hatte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf die obere rechte Ecke des Fensterrahmens gerichtet. Dort befand sich ein zartes Wesen, eine Spinne, die ihr Netz webte. Eine faszinierende Kunst, die mich zum Staunen brachte.

Ich schüttelte irritiert den Kopf. Was war denn jetzt schon wieder mit mir los? Weshalb rief ich nicht panisch nach Timm, damit er das Krabbeltier in den Garten entsorgte? Vorgestern hatte ich so reagiert, als mir im Flur eine kleine Spinne über den Weg gelaufen war. Und nun saß ich da und bewunderte ein solches Tierchen, wie es mit feinen Fäden von Speiche zu Speiche krabbelte und zartes Spinnengewebe befestigte, so dass das Netz von innen nach außen immer vollständiger wurde.

…                                                  

Irgendetwas Entscheidendes musste geschehen sein, dass ich mich so völlig anders benahm. Ob es etwas mit der tränenreichen EMDR[1]-Sitzung des gestrigen Tages zu tun hatte? Denn einige meiner bisherigen Lebensgewohnheiten schienen völlig außer Kraft gesetzt. Ich fühlte mich ausgezeichnet, wenn auch irritiert.

Wunderlichkeiten dieser Art gab es in den folgenden Tagen bis zur nächsten Therapiesitzung immer wieder.

Als psychologisch interessierte Frau wollte ich verstehen, wie die Heilung meines Kindheitstraumas möglich geworden war. Auch mein Autorenhirn wollte mit Informationen gefüttert werden. Denn so eine spannende und gut endende Geschichte konnte ich doch nicht in der Schublade liegen lassen. Deshalb begab ich mich gedanklich auf die Reise in die Vergangenheit, um den Schlüssel meiner Heilung zu finden.

Die Nacht vor meiner ersten Therapiesitzung verbrachte ich im Dämmerzustand. Immer wieder tauchten unterschiedliche Gedanken darüber auf, was am nächsten Tag wohl auf mich zukommen würde. Und wenn aus meinen Gedanken Panik wurde, dann musste ich rasend schnell auf die Toilette. Denn dann meldete sich mein Darm zu Wort, um sich explosionsartig zu entleeren. Das war damals normal für mich.

Der nächste Morgen kam. Frisch geduscht, mit Medikamenten gegen Durchfall, Angst und Kopfschmerzen gedopt, wurde ich von Timm zur Therapie gefahren. Selbst zu fahren war in meiner aktuellen Verfassung unmöglich. In meiner Handtasche hatte ich neben Schreibzeug und Notfalltabletten meinen Schmuseteddy unter einem Tuch versteckt. Er hatte mich bereits durch all meine Therapien begleitet und war meine Gefühlsschwankungen gewohnt. Er tröstete und wärmte mich, wenn mein Herz zu schwer wurde.

Zu meiner Sicherheit blieb Timm im Wartezimmer, falls ich die Therapie fluchtartig verlassen wollte. Ich spürte eine Anspannung, die ich kaum aushalten konnte. Dabei schwitzte ich so sehr, dass mein Deo den Kampf gegen den Duft der Angst verlor.

Ich fragte mich insgeheim, ob mich Frau Salim mit diesen Phantasieübungen vielleicht doch in den Wahnsinn treiben wollte? Tage voller Angst zogen sich wie türkischer Honig. Wie so oft konnte ich die Anspannung bis zur nächsten Therapiestunde kaum aushalten. Immer wieder setzte ich meinen Notfallkoffer ein, sobald die Panik begann, in mir hochzukriechen. Dann aß ich eine scharfe Peperoni oder löste schwere Sudokus. Überrollte mich die Panik, explodierte mein Darm. Danach wurde ich wieder ruhiger.

In der nächsten Therapiesitzung wiederholte Frau Salim geduldig und glaubhaft, dass Kreativität keine Krankheit sei. Es gebe also auch keinen Grund mich in eine Psychiatrie einzuweisen. Im Gegenteil, diese Imaginationsübungen[2] seien gut für meine Heilung.  Sie hätten absolut nichts mit Wahnsinn zu tun. Es seien Übungen zur Heilung der Seele.

„Ok“, dachte ich, „dann lasse ich mich auf diese Imaginationsübungen weiter ein. Und wenn es mir zu viel wird kann ich ja immer noch damit aufhören.“ Die Worte der Therapeutin wirkten entlastend. Meine Wahrnehmung sagte mir: Du kannst Frau Salim vertrauen! Damals war mir nicht bewusst, dass ich diese Erklärungen schon einmal gehört hatte.

Leider hielt diese innere Ruhe nicht lange an. Denn die Angst, etwas stimme nicht mit mir, wurde zusätzlich durch einen anderen Gedankengang genährt. Hatte ich nicht gelesen, dass Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung innere Konferenzen zum Austausch nutzten? War ich vielleicht auch multipel, wenn ich diese Technik nutzte? Hatte ich mich die letzten Jahre nur verstellt, so getan, als ob ich nur eine Person wäre? Dann hätte ich ja noch eine weitere Aufgabe zu bewältigen. Diese Unsicherheit in meiner Wahrnehmung nahm in der therapiefreien Zeit immer mehr zu. So sehnte ich mich wieder einmal nach meiner nächsten Therapiestunde, obwohl ich mir gar nicht sicher war, ob ich die Frage nach dem „multipel sein“ würde stellen können. Doch meine Angst war zum nächsten Therapietermin so groß geworden, dass ich mutig meine Befürchtungen beim Namen nannte.

Wie immer beobachtete ich Frau Salim genauestens, als sie antwortete. Dabei sah und spürte ich: Die Therapeutin konnte meine Not nachfühlen, ohne mich zu verurteilen. Das tat mir sehr gut. Und dann erfuhr ich, dass viele Imaginationsübungen Überlebensstrategien von traumatisierten Menschen waren. Ihre Therapeuten erkannten den Sinn dieser Strategien und übernahmen diese in ihren Fundus der Heiltechniken. Denn genau diese traumatisierten Menschen hatten in ihrer frühen Kindheit noch Zugang zu ihrer Phantasie. Diese schenkte ihnen kreative Ideen, als Kraftquellen und Schutz ihrer Seele, um ihr Trauma überleben zu können. Und diese Überlebensstrategien konnten nun für jeden Ratsuchenden auch bewusst eingesetzt werden. Denn nicht nur traumatisierte Menschen haben innere Verletzungen. Auch scheinbar seelisch gesunde Erwachsene tragen ihre Altlasten mit sich herum. Heute kann und darf jeder mit diesen und anderen cleveren Techniken seine kleinen und großen Wunden heilen und Einschränkungen auflösen, um noch selbstbestimmter und glücklicher zu leben.

Nach dieser erneuten Entwarnung beschloss ich, mit diesen Imaginationsübungen noch ein klein wenig weiterzumachen. Wenn es mir dann irgendwann doch zu gefährlich würde, könnte ich ja immer noch Stopp sagen. Heute weiß ich, dass die Phantasie tatsächlich eine meiner größten Ressourcen[3] ist. Sie war lediglich durch die Ereignisse meines Lebens vergraben. Die Angst hatte mir Vergessen geschenkt. Durch die Nutzung meiner phantasievollen inneren Bilder wurde die Heilung meiner Seele möglich. Doch das ahnte ich damals noch nicht.

[1] EMDR empfinde ich wie bewusstes Träumen. In der REM-Phase = Traumphase beim Schlafen, werden Eindrücke verarbeitet. Im EMDR werden die beiden Gehirnhälften wechselweise manuell stimuliert. Belastende Erinnerungen können verarbeitet werden. 

[2] Mit Gedanken und Bildern gezielt Tagträumen, wie ich es nenne.

[3] Ressource = nutzbare Fähigkeit, Kraftquelle in mir

Klappentext

Resonanz