Gerade, als die Raupe dachte sie wäre am Ende, entwickelte sie sich zu einem wundervollen Schmetterling.

Leseprobe

Wie es zu diesem Buch kam

 

Der 23. Juni 1993 ist für mich ein ganz besonderer Tag. Dieses Datum markiert das Erwachen aus meinem schützenden Dornröschenschlaf. Damals hatte ich bereits zehn Jahre Therapie hinter mir. In diesen Jahren ging es mir zwar immer wieder recht gut, doch es hielt sich das bedrückende Gefühl, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte. Deshalb hatte ich auch nach fünf Fehlversuchen erneut eine Therapie begonnen.

In dieser Therapie arbeiteten wir mit Träumen. Ein Traum, in dem mein Auto brannte und ich nur meinen Teddybär retten konnte, schien meiner Therapeutin besonders gut zu gefallen. An jenem Tag, es ging mir sehr gut, stellte sie mir erneut Fragen zu diesem Traum. Da wurde ich wütend und sagte: „Mich nerven diese Fragen. Ich habe das Gefühl, Sie glauben, dass ich in meiner Kindheit irgendein Trauma erlebt habe. Und weil es gerade modern ist, denken Sie womöglich, ich sei als Kind sexuell missbraucht worden!“ Kaum waren mir diese Worte entschlüpft, drückte sich mein Brustkorb zusammen und presste das Wort »Gräbele«[1] heraus. Mir wurde schlecht. „Wo ist das »Gräbele«?“ fragte meine Therapeutin. Und ich antwortete wie in Trance: „Bei meiner Oma.“ Gehorsam legte ich mich dann in dieses »Gräbele« auf den Boden. Das, was dann geschah, war der reinste Horrortrip. Ich spürte brennende Hände auf meinem Körper, mir war speiübel und ich schrie innerlich! Ich war mir sicher, nun wirklich wahnsinnig geworden zu sein. Oma hatte Recht. Ich musste für immer eingesperrt werden. Als ich wieder zu mir kam, lächelte mich meine Therapeutin liebevoll an und sagte: „Sie sind nicht verrückt. Sie haben sich nur endlich daran erinnert, was Ihnen früher einmal passiert ist. Ich habe schon lange darauf gewartet, dass Sie ihr Trauma erinnern können.“ Ich hatte das Gefühl, ihr glauben zu können und gestattete mir selbst fürs erste, meiner Erinnerung zu trauen. All meine „seltsamen“ Verhaltensweisen kamen mir wieder ins Gedächtnis. Und plötzlich ergab das alles einen Sinn, ich konnte mich verstehen.

Völlig erschöpft ging ich nach Hause, stellte eine Flasche Sekt kalt und wartete auf meinen Mann. Als er von der Arbeit kam, erzählte ich ihm, was geschehen war, und bat ihn, mit mir auf diesen »Durchbruch« ein Glas Sekt zu trinken. Ich war sicher, dass nun, da ich wusste, weshalb ich solche Probleme hatte, alles gut würde.

Doch leider hielt meine Euphorie nur kurz an. Weitere Erinnerungen folgten. Und ich stürzte, stürzte und stürzte in ein tiefes Loch. Gleichzeitig stellten sich Trotz und Kampfgeist ein und ich beschloss, allen zu zeigen, dass man auch dieses Trauma überleben konnte. Ich wollte ein Buch darüber schreiben, um der ganzen Welt zu vermitteln: Es gibt ein Licht am Ende des Tunnels. Dieser Vorsatz hielt mich am Leben und sechs Jahre später löste ich mit dem Schreiben dieses Buches mein Versprechen ein.

 

Der Weg von der ersten Zeile bis zum fertigen Buch war manchmal sehr beschwerlich. Besonders schwierig gestaltete sich die Suche nach geeigneten Interviewpartnerinnen. Doch schließlich gelang es mir, dank der Idee einer Freundin, die unterschiedlichsten Möglichkeiten und Medien zu nutzen, um genügend Interviews zusammen zu bekommen.

Ein Problem während des Schreibens war meine eigene Seele. Oft fragte ich mich, ob ich mein Vorhaben verwerfen sollte, stürzte ich doch selbst durch die Lebensgeschichten meiner Interviewpartnerinnen immer wieder in den Abgrund eigener Erinnerungen. Meine Worte wurden schwer und traurig und mein Vorhaben, mein Augenmerk auf konkrete Hilfestellung für Betroffene und deren Angehörige zu richten, schien mir nicht mehr realisierbar. So gab es Phasen, in denen ich beschloss, dieses Buch nicht zu beenden, da das, was mich so belastete, wohl kaum anderen helfen konnte.

 

Als ich wieder einmal einen Tiefpunkt erreicht hatte, schenkte mir eine Freundin das Buch Wahre Kraft kommt von innen von Louis L. Hay[2]. Beim Lesen erinnerte ich mich wieder daran, mit welcher Leichtigkeit ich trotz eigener Schwere und Betroffenheit mit meinem Buch begonnen hatte. Und dann ermunterten mich auch meine Interviewpartnerinnen, dieses für sie so wichtige Buch zu schreiben.

Das Buch, das sich aus dem ersten „Nicht allein“ entwickelt hat, hältst du heute in Händen. Es wurde durch neue Erfahrungen, Geschichten und Impulse von Lesern erweitert.

 

Ein praktischer Ansatz

Da ich selbst erlebt habe, dass mich »Dramenberichte« eher belasten als entlasten, möchte ich mit diesem Buch einen anderen Weg beschreiten. Ich möchte Klarheit in das böse Verwirrspiel des sexuellen Missbrauchs und seiner Folgen bringen. Dabei habe ich Unterstützungsmöglichkeiten gesammelt, die sowohl für Frauen als auch für Männer hilfreich sind. Themen, die speziell Männer betreffen habe ich nur teilweise berücksichtigen können, da ich mich in diesem Bereich für zu wenig kompetent halte.

In der Aufarbeitungsphase meines Traumas spürte ich, wie hilflos mein Mann und ich dieser Situation ausgeliefert waren. Wir wollten sprechen und wagten es nicht. Wir wollten handeln und wussten nicht wie. Viele Betroffene haben mir ähnliche Probleme beschrieben. Deshalb wendet sich dieses Buch sowohl an Menschen, die in der Kindheit sexueller Gewalt ausgesetzt waren, als auch an die Menschen in ihrem familiären Umfeld sowie an ihre Therapeuten und Therapeutinnen. Mein Ziel ist es, Überlebenden[3] dabei zu helfen, ihre Situation besser zu verstehen, sie anzunehmen und heilend aktiv werden zu können. Da es für viele Betroffene schwer ist, über ihr Schicksal zu sprechen und sich zu erklären, bieten die Beispiele anderer Betroffener die Möglichkeit, Worte zu finden.

Angehörigen und Therapeuten möchte ich mit diesen Gedanken Tipps und Anregungen geben, damit sie Überlebende besser verstehen und begleiten können. Damit soll die Kommunikation untereinander erleichtert und Handeln möglich werden.


2 Überlebensstrategien

 

2.1 Die Situation des kindlichen Opfers

Sexuelle Übergriffe sind zu 70% bis 90%[4] Beziehungsstraftaten in Familie und Umfeld. Fremdtäter sind eher seltener, werden aber in den Medien viel häufiger erwähnt. Viele sexuell missbrauchte Erwachsene sind in Familien aufgewachsen, die von außen betrachtet völlig intakt schienen. Das, was hinter verschlossenen Türen stattfand, wurde geschickt, oft sogar vor dem anderen Elternteil, Geschwistern und Verwandten, verborgen. Doch jedes Familienmitglied, egal ob direkt oder indirekt betroffen, spürt, dass irgendetwas nicht stimmt, oft ohne es benennen zu können. Und dies hat Auswirkungen auf die ganze Familie.

Kinder sind völlig abhängig von ihren Eltern. Die Familie ist der Raum, in dem das Kind Sicherheit, Liebe, Geborgenheit und Förderung erleben soll, um gesund reifen und wachsen zu können. So hat jedes Kind den Wunsch, den Eltern nahe zu sein. Selbst nach sexuellem Missbrauch und anderen Misshandlungen bleibt dieser Wunsch bestehen, da das Kind instinktiv weiß, dass es alleine nicht überleben könnte. Es wird deshalb Möglichkeiten suchen, trotz der großen körperlichen und seelischen Qualen der sexuellen Gewalt in der Familie zu überleben. Diese Überlebensstrategien können sehr unterschiedlich sein.

Auch Kinder, die außerhalb der Familie missbraucht werden, tragen bleibende Schäden davon, allerdings kann ihnen die Geborgenheit der Familie wenigstens erhalten bleiben, falls sich das Kind einem Familienmitglied anvertrauen kann und die Straftat geahndet wird. Auch schnelle therapeutische Hilfe ist wichtig. Kann sich dieses Kind zu Hause niemandem anvertrauen, ist es einsam und verlassen und muss sich automatisch Überlebensstrategie zulegen.

Um die Not sexuell missbrauchter Kinder besser verständlich zu machen, scheint es mir wichtig, das gesamte Szenario eines Missbrauchs in der Familie zu beschreiben. In einer intakten Familie hat ein Kind durch die Fürsorge seiner Eltern ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Diese so wichtigen Gefühle werden durch den sexuellen Übergriff schlagartig völlig in Frage gestellt und erschüttert. Plötzlich ist alles anders als es bisher war. Ein Erwachsener macht im Geheimen etwas mit dem Kind, das ihm weh tut und es fürchterlich ängstigt. Die Handlungen und Worte sind dem Kind völlig fremd, unverständlich und es erlebt den sonst oft eher zurückhaltenden Täter als zudringlich und häufig sogar gewalttätig. Es kann diese Erlebnisse nicht benennen und fragt sich, warum der Erwachsene sich plötzlich so verhält, oder ob es für etwas bestraft wird. Fragen sind verboten. Der Zwang zur Geheimhaltung unter Androhung massiver Strafen, der in der Regel mit sexueller Gewalt einhergeht, nimmt dem Kind jegliche Chance, aus dem Alleinsein mit dem Problem auszubrechen. Denn welches Kind möchte schon den Vater in den Knast bringen, die Familie zerstören oder schuld daran sein, dass die gesamte Familie getötet wird? Für das Kind sind diese Drohungen real, obwohl sie Gott sei Dank nur in den seltensten Fällen in die Tat umgesetzt werden.

 

Das Dilemma, in dem sich das Kind befindet, ist meist umso größer, je jünger das Kind ist und je häufiger die Übergriffe stattfinden. Es ist plötzlich völlig isoliert und hat Angst, sich zu verplappern, obwohl es sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich aus dieser schrecklichen Situation befreit zu werden. Gleichzeitig weiß das Kind nicht, ob die Annäherung des Erwachsenen eine Form ist, ihm Zuneigung zu zeigen. Stimmt sein Gefühl nicht, dass daran etwas »falsch« ist? Das Kind ist verunsichert, denn es wünscht sich ja auch Liebe und Zärtlichkeit von den Eltern. Viele Täter sind im Alltag eher distanziert zu ihren Kindern, so dass der Übergriff oft die einzige Form körperlicher Nähe ist, die sie zu ihnen herstellen.

Ich habe bei anderen Betroffenen und mir festgestellt, dass die Verunsicherung der eigenen Gefühle, die Hilflosigkeit und der Schweigezwang den sexuellen Missbrauch potenzieren. Hinzu kommen Gefühle wie Schuld, Scham und manchmal eine vage Erinnerung daran, dass es auch schön war, Nähe zu erfahren. Hierbei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen einmaligen Übergriff oder häufige Missbrauchssituationen handelt. Traumatisiert sind alle Betroffenen.

Zu den oben aufgeführten Denkstrukturen gesellen sich noch Probleme, die besonderen Einfluss auf Jungen haben. Denn: „Ein richtiger Junge ist kein Opfer!“

Es entsteht absolute Verunsicherung, weil die Jungen fürchten, nun kein richtiger Mann mehr zu sein. Dies kann dazu führen, dass sie sich mit dem Täter identifizieren und bewusst aggressiv und machohaft auftreten.

Die leider noch immer falsch verbreitete Meinung, dass:

- sich Jungen wehren könnten wenn sie nur wollten;

- sie bei jeder sexuellen Handlung Spaß hätten;

- missbrauchte Jungen eine homosexuelle Ausstrahlung hätten;

belasten männliche Betroffene ganz besonders.   

 

2.2 Was sind Überlebensstrategien?

Ein Kind das sexuelle Gewalt erfahren hat oder auf andere Weise traumatisiert wurde wird in der Regel mit seinen Ängsten und Nöten allein gelassen. Deshalb sucht es unbewusst nach Möglichkeiten mit dieser Situation fertig zu werden; es passt sich an und funktioniert. Damit wird der Grundstein für spätere körperliche und seelische Krankheitssymptome und großes Leid gelegt.

Die allgemeine Tabuisierung von Sexualität, die Angst vor den angedrohten Strafen oder schrecklichen Ereignissen und die fehlende Sprache, für das, was da geschieht, machten es dem sexuell missbrauchten Kind früher ganz besonders schwer, sich jemandem anzuvertrauen.

Mit der zunehmenden Thematisierung sexueller Gewalt in den Medien, wird es Kindern heute einfacher gemacht, sich an eine Vertrauensperson zu wenden. Doch es bleibt noch immer viel Aufklärungsarbeit zu leisten, um möglichst viele betroffene Kinder und Jugendliche zu erreichen. Je früher der Missbrauch aufhört und das Trauma bearbeitet werden kann, umso weniger Auswirkungen wird er auf das weitere Leben der Betroffenen haben.

 

Beiseite geschobene traumatische Erlebnisse, die unbearbeitet bleiben, entwickeln ein Eigenleben und können sich zu schweren psychischen Erkrankungen ausweiten. Hatte das betroffene Kind beispielsweise »nur« Angst vor der Bierfahne und der Gewalt des Täters, können sich bei dem Jugendlichen - besonders in der Pubertät - allgemeine Ängste vor Biergeruch und Berührungen entwickeln (Generalisierung). Die Betroffenen ziehen sich verstärkt zurück, um solche Situationen zu vermeiden. Die Probleme nehmen zu und die Frau bleibt in der Opferrolle, während der Mann eher aggressiv wird. Das wirkt sich wiederum auf die Ausstrahlung der Frau aus. Sie scheint Signale auszusenden, die Täter gerade zu anlockt. Eine Retraumatisierung findet statt.

 

2.3 Wie kommt es zu Überlebensstrategien?

2.5 Überlebensläufe: Auswirkungen sexueller Gewalt

In den folgenden Beispielen kommen Überlebende zu Wort, die ihre Kindheit und das heutige Leben mit dem sexuellen Missbrauch beschreiben.

 

„Ich konnte nicht verstehen, dass meine damalige Freundin einen Bruder hatte (der einige Jahre jünger war als sie), der so etwas offensichtlich nicht tat. Ich dachte, ich sei mit diesem Problem die einzige auf der Welt (die Welt ist ja nicht sonderlich groß für ein Kind, man weiß ja nichts von anderen Ländern etc.). Folgeerscheinungen bei mir sind Rückzug, Aggressionen, Partnerschaftsprobleme und die Angst, dass mein späterer Mann/Freund dasselbe mit mir und meinen Kindern machen wird. Ich bin multipel und verletze mich selbst mit Rasierklingen und anderen scharfen Gegenständen, einmal habe ich mich mit einem heißem Draht verbrannt.“                                                                                                     Angela, 20 Jahre

„Nach dem Missbrauch lebte ich in ständiger Angst. Der Gedanke, dass ich sterben sollte, machte mir dabei am wenigsten aus. Als dann mein Meerschweinchen starb, dachte ich, mein Vater habe es getötet. Das hat bei mir gewirkt. Zur Sonnwende hatte ich immer Angst, verbrannt zu werden. Auch sonst hatte ich Angst vor Feuer und konnte bis vor ein paar Jahren nicht einmal eine Kerze anzünden. Einmal habe ich mich getraut, nach außen zu gehen, und habe eine Flasche in den Rhein geworfen, in der ein Zettel mit der Aufschrift »Hilfe« lag. Aber ich hatte die Flasche wohl nicht richtig zugemacht, und so kam sie wieder ans Ufer zurück. Doch sie hätte mir ohnehin nicht geholfen, da ich nicht den Mut gehabt hatte, meinen Namen auf den Zettel zu schreiben. Auch heute noch habe ich Angst davor, jemandem etwas zu erzählen, da ich fürchte, dass ihm dann bald etwas Schlimmes zustößt.

Auch wenn ich als Kind selten unbeschwert war, hatte ich gute Freunde und habe viel gespielt. Meine Fantasie war und ist meine größte Ressource, meine größte Hilfe dabei, mit allem fertig zu werden. Ich konnte und kann mich in andere Welten flüchten, wenn mir diese hier zu schrecklich erscheint. Ganz lange habe ich das durch Spiele mit Barbies oder Playmobil gemacht, heimlich sogar noch bis ins Teenageralter. Bis ich irgendwann dachte, das nicht mehr zu dürfen. Stattdessen lag ich dann stundenlang auf dem Bett, starrte an die Decke und habe mir ein anderes Leben vorgestellt. Ich stellte mir nicht immer ein schöneres Leben vor. Manchmal war diese Welt sogar so mit Schicksalsschlägen gespickt, dass ich endlich weinen konnte. Das half mir. Damals habe ich angefangen, mit meiner Freundin Geschichten zu schreiben. Auch heute noch verarbeite ich meine Probleme in Texten.

„Mit meinem starken Übergewicht versuchte ich mich, hässlich zu machen, da mein Vater mich dick nicht mochte. Auch das Essen von Schokolade füllt heute noch die Leere, die mich oft überkommt, oder macht schlimme Gefühle erträglicher. Seit meiner Kindheit begleiten mich Ängste vor Dunkelheit, dem Alleinsein, dem Verlassen werden, dem Abschied und davor, mich fallen zu lassen.“                                                                                         Iris, 25 Jahre

4 Die Zeit der Aufarbeitung des Traumas

4.1 Diagnose

Für die meisten Menschen ist es völlig normal, wegen eines Beinbruchs oder einer Grippe zum Arzt oder zum Heilpraktiker zu gehen. Betroffene, deren Seele in der Kindheit durch sexuelle Gewalt verletzt wurde, fürchten dagegen schief angesehen zu werden wenn sie einen Psychotherapeuten aufsuchen. Durch die mit dem Missbrauch verbundenen Drohungen und die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, fühlen sie sich zum Schweigen verdammt. Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund dafür, weshalb sich traumatisierte Menschen allein durch ihre Seelennöte quälen sollten. Selbst mit der Unterstützung eines Therapeuten ist der Weg der Aufarbeitung oft schwer genug.

Glücklicherweise wird inzwischen immer selbstverständlicher anerkannt, dass traumatische Kindheitserfahrungen dauerhaft prägen und ihre Auswirkungen haben. Ebenso wird es als normal angesehen, sich in einem solchen Fall psychotherapeutische Hilfe zu holen. Hierfür gibt es in der Zwischenzeit entsprechende Traumatherapeuten, die bei der Aufarbeitung von Kindheitstraumen die notwendige kompetente Hilfe bieten können, die jede und jeder in Anspruch nehmen kann. Und doch ist noch immer die Angst da, für »verrückt« gehalten zu werden wenn man sich therapeutische Hilfe sucht. Dabei ist dies ein wichtiger, hilfreicher Schritt zur Genesung.

Die Angst vor der Diagnose ist ein weiterer Grund, weshalb sich viele Menschen keinem Psychotherapeuten anvertrauen wollen. Sie fürchten abgestempelt und in eine Schublade verbannt zu werden. Doch immer mehr Therapeuten sehen ihre Klienten ganzheitlich und wissen, dass sie nicht einfach in eine Diagnoseschublade mit Störung X, Y oder Z einsortiert werden können, sondern durch ihre ganz individuelle Geschichte geprägt wurden. Dies finde ich bei Missbrauchsopfern besonders wichtig, weil sie schon zu sehr in ihrer Persönlichkeit beschnitten wurden.

Leider müssen auch ganzheitlich arbeitende Therapeuten eine Diagnose nach dem ICD 10[5] erstellen, damit die Krankenkasse die Notwendigkeit für eine Therapie anerkennt und die Therapiekosten übernimmt. Im Rückblick auf meine eigene Geschichte, habe ich mir Gedanken über die Diagnosestellung gemacht. Sie gibt Symptomen einen Namen - meist ohne Berücksichtigung der Ursachen. Was als seelische Störung im ICD 10 festgehalten ist, bezieht sich auf die Norm- und Wertvorstellungen der Gesellschaft, die zum Zeitpunkt der Erstellung der jeweils aktuellen Auflage gültig sind. Der Wandel in der Gesellschaft verändert folglich auch die Klassifizierungen im ICD 10. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Homosexualität. Im ICD 9, der bis vor ein paar Jahren zur Diagnosestellung herangezogen wurde, war Homosexualität noch als eine Sexualstörung klassifiziert. Im aktuellen ICD 10 wird diese Art der Liebesbeziehung nicht mehr als Störung aufgeführt, sondern als individuelle Neigung akzeptiert.

 

Die Diagnose ist die medizinische Beschreibung eines Zustands, der im Falle von sexuellem Missbrauch durch schwere seelische Verletzungen hervorgerufen wurde. Deshalb sollten wir sie als therapeutisches Hilfsmittel sehen, mit dem Therapeuten sich bemühen, die Auswirkungen der kindlichen Tragödie zu beschreiben, damit sie auch Theoretiker/innen in etwa verstehen und begreifen können. Die Diagnose gibt dem Therapeuten Sicherheit, Orientierung und konkrete Hilfsmittel aus der Fachliteratur an die Hand. Dies kommt den Klienten zu Gute. Wenn der Therapeut zusätzlich einfühlsam arbeitet, kompetent, kongruent und sympathisch ist, sind die Weichen für eine unterstützende Therapie gestellt.

Gleichzeitig gehört die Diagnosestellung zur Sorgfaltspflicht der Therapeuten gegenüber ihrem Klienten. Hierzu kann auch gehören, dass sie einen Neurologen bzw. den Hausarzt hinzuziehen, um neurologisch-organische Erkrankungen auszuschließen. Sollte ein Klient beispielsweise zusätzlich unter einer körperlich bedingten Depression leiden, bedarf dies einer besonderen Unterstützung.

 

„Obwohl ich mein Trauma größtenteils aufgearbeitet hatte, fühlte ich mich oft noch depressiv. Auch meine Muskel- und Kopfschmerzen hielten an. So suchte ich eine Schmerzärztin auf, die eine Fibromyalgie diagnostizierte. Diese löste die bei mir auftretenden Beschwerden aus. Nun nehme ich seit einiger Zeit eine niedrige Dosis Psychopharmaka und mir geht es besser. Ohne diese Diagnose und dieses Medikament wäre ich wohl den Rest meines Lebens depressiv geblieben, hätte mich als Hypochonder gefühlt und unnötige Schmerzen aushalten müssen.“                                                                                                Veronika, 50 Jahre

 

5.5 Eigene Bedürfnisse erkennen

Besonders Frauen haben meist schon früh gelernt, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, zu schweigen, zu folgen, sensibel auf die Umwelt zu reagieren und sich anzupassen. Dies gilt für Überlebende sexueller Gewalt in verstärktem Maße, denn Anpassung und Sensibilität waren für sie überlebensnotwendig. Als Erwachsene wissen Betroffene schnell was andere brauchen und reagieren völlig irritiert, wenn sie nach ihren eigenen Bedürfnissen gefragt werden. Genau damit wollen wir uns im folgenden Abschnitt beschäftigen.

Beantworte in aller Ruhe die folgende Frage:

Was brauche ich, damit es mir gut geht?

Das sollte die wichtigste Frage deines Lebens werden. Sei mal so richtig egoistisch! Denn wenn du nicht auf deine Bedürfnisse achtest, dann tut es niemand. Denke immer wieder daran und handle immer mehr danach. Notiere auch die kleinsten dieser Fortschritte in deinem Lob- und Anerkennungsbuch.

Überprüfe jeden Tag neu, was du brauchst. Viele Dinge werden täglich auf deiner Liste stehen, einige nur für einen bestimmten Zeitraum. Nimm diese Bedürfnisse liebevoll an. Natürlich wirst du gelegentlich auch Kompromisse eingehen müssen. Beispielsweise wirst du nicht jeden Morgen im Bett liegen bleiben können, weil du noch müde bist. Aber wenn du dich wirklich mal danach fühlst, dann wäge das Für und Wider ab und entscheide, ob du dieses Bedürfnis erfüllen kannst.

Finde heraus, was für dich ganz persönlich Luxus bedeutet. Und dann gönne dir deinen Luxus. Nimm dich wichtig und behandle dich wie ein Königskind oder Goldmarie/Hans im Glück.

Hier ein paar Anregungen:

- die Gleitzeit nutzen, um ausschlafen zu können.

- in eine Decke eingekuschelt auf dem Sofa liegen und lesen.

- ein entspannendes Aromabad mit deinem Lieblingsduft bei Kerzenschein nehmen.

- nur Kleidungsstücke kaufen, in denen du dich wirklich wohl fühlst, auch wenn du erst dafür  sparen musst.

- dein Lieblingsschmuckstück tragen, das unterstreicht, wie kostbar du bist.

Ich wünsche Dir das Beste für Deinen weiteren Weg! Denn auch Du hast es verdient glücklich zu sein!

Herzlichst Christine Striebel

[1] Gräbele = Bettritze zwischen zwei Matratzen, schwäbischer Dialekt

[2] Hay, Louis L.: Wahre Kraft kommt von Innen. München: Heyne 2001

[3] Überlebende = Menschen, die den sexuellen Missbrauch in der Kindheit auf ihre individuelle Art überlebt haben

[4]Gallwitz, Prof. Dipl.-Psych. Adolf: Gewerkschaft der Polizei: Das Tabu: Sexuelle Gewalt. 2009

[5] ICD 10 ist die Klassifikation psychischer Störungen von der Weltgesundheitsorganisation WHO